Geschichte

100 Jahre industrieller Kalkmergelabbau in Herbsleben


Nördlich der Unstrut von Herbsleben, im sogenannten Rieth ist unter der Schwarzerdeschicht eine Kalkmergelunterlage von unterschiedlicher Stärke vorhanden. Diesen „Kalkmergel“, bei uns auch als „Sand“ bezeichnet, benutzten im 19. Jahrhundert die hiesigen Einwohner als Scheuersand und zum bestreuen der Fußböden. Viele Leute verdienten damit Ihren Lebensunterhalt, indem sie diesen Scheuersand auf Eselwagen oder per Schiebekarre, ja sogar in Tragkörben in die umliegenden Dörfer und Städte zum Verkauf brachten.

Ende des 19. Jahrhunderts erkannte man den „Sand“ als ein wichtiges und unentbehrliches Hilfsmittel in der Glasindustrie und keramischen Industrie bei der Schmelze. Erst mit dem Bau der Eisenbahn (1889) und dem Anschluss Tennstedts (1895) an das Verkehrsnetz ergaben sich für den Abbau des Kalkmergellagers größere Perspektiven.

Im Jahre 1906 erhielt der Kaufmann Dr. Dirks aus Heiligenstadt das Ausbeuterecht und kaufte von mehreren Landeigentümern ein größeres Areal zum Abbau des Kalkmergels im Rieth. Der Betrieb siedelte sich im mit einigen Gebäuden zwischen Riethweg und Schwerstedter Weg unmittelbar an der Eisenbahnlinie an. Der Abbau des Kalkmergels erfolgte nur von Hand, also mit Spaten und Schaufel. Der Transport von der ca. 1 Km entfernten Grube bis zum Lagerplatz erfolgte auf Feldbahngleisen, später mit Diesellok und Kipploren. Der Kalk wurde auf Halde zur Lufttrocknung abgekippt. Bereits 1910 erhielt des Werk einen Gleisanschluss für die Verladung des Kalkmergels. Nach mehrmaligen Betriebswechsel stand das Werk 1925 zum Verkauf an.

Nach gründlicher Vorbereitungsarbeit gründete sich eine Genossenschaft, die den Betrieb übernahm und die vorhandenen Anlagen umfangreich ausbaute. Der Name der neuen Genossenschft war: „Kalkmergel und Kartoffelflockenfabrik“ Herbsleben und Umbegung e.G.m.b.H.  Neben dem Kalkmergelabbau und Versand erfolgte nun auch die Annahme und Trocknung von Futterkartoffeln. Dies hatte den Vorteil, dass die Belegschaft nun ganzjährig beschäftigt werden konnte. Aus den Geschäftsberichten der damaligen Zeit ist zu entnehmen, dass im Durchschnitt 4000 – 5000 Tonnen Rohkartoffeln im Jahr getrocknet wurden und als Kartoffelflocken für Futterzwecke zur Auslieferung kamen. Der Kalkabbau lag bei 8000 – 10.000 Tonnen/ Jahr. In dieser Zeit wurden bis zu 680 Waggons mit Kalkmergel im Jahr beladen und an die Glashütten zur Weiterverarbeitung verschickt. Nach einem Brand zum Jahresende 1946 wurde der Flockenboden der Fabrik restlos zerstört und nicht wieder aufgebaut.


Kalkmergelabbau um 1968

Am 01. Januar 1954 wurde der Betrieb als VEB (K) Kalkwerk Herbsleben übernommen. Erst 1967 erhielt das Kalkwerk einen Anschluss an das elektrische Netz. Bis 1970 wurde der Kalkmergel nur per Hand abgebaut. Danach begann schrittweise einen notwendige Modernisierung. Zur Erleichterung der körperlich schweren Arbeit wurde moderne Technik angeschafft. Ab 1972 gehörte der Betrieb in Herbsleben als Betriebsteil zu den Kemmlitzer Kaolin- und Tonwerken. Später ging daraus das VEB Silikatrohstoff-Kombinat Kemmlitz hervor und Herbsleben war nur noch eine Produktionsabteilung in diesem Stammbetrieb. Anfang der 90iger Jahre des letzten Jahrhunderts erfolgte die Privatisierung des Kalkwerkes.

Noch heute wird hier Kalksteinmergel abgebaut, der vorwiegend zur Bodenverbesserung in die Landwirtschaft geht. Die noch vorhandenen ausgebeuteten Kalkmergelgruben der letzten 100 Jahre bilden die Grundlage des heutigen Naturschutzgebietes „Herbslebener Teiche“.


(Quelle: W.-M. Kühmstedt, veröffentlicht im „Unstrut-Kurier“ Amtsblatt der Gemeinde Herbsleben und der Gemeinde Großvargula, 2006, Jahrgang 6, Nr. 4, S. 10f)